Sequenz-Risiko: warum frühe Verluste in der Rente am meisten weh tun
Warum die Reihenfolge der Renditen für Rentner enorm wichtig ist — und wie man sich schützt.
- Sequenz-Risiko (Sequence of Returns Risk)
- Das Risiko, dass die Reihenfolge der Renditen ein Portfolio negativ trifft, sobald entnommen wird — auch wenn die langfristige Durchschnittsrendite identisch bleibt.
- Beispiel: Zwei Rentner mit identischer 30-Jahres-Durchschnittsrendite können je nach Renditeabfolge mit 0 € oder 2 Mio. € enden.
- Sichere Entnahmerate
- Maximale jährliche Entnahme aus einem Rentenportfolio, ohne das Vermögen vor Ablauf des Rentenhorizonts zu erschöpfen.
- Beispiel: Die 4%-Regel: Aus 1 Mio. € jährlich 40.000 € entnehmen (inflationsindexiert) hat historisch über 30 Jahre gehalten.
Sequenz-Risiko ist die Gefahr, dass ein Marktcrash früh in der Rente das Vermögen dauerhaft reduziert — selbst wenn die langfristige Durchschnittsrendite hervorragend ist. Zwei Rentner mit gleicher Durchschnittsrendite können wild unterschiedlich enden, je nachdem in welcher Reihenfolge die Renditen kamen.
Das kontraintuitive Beispiel
Zwei Rentner starten mit 1 Mio. €, entnehmen 40.000 € pro Jahr (4%-Regel), und erleben identische 30-Jahres-Durchschnittsrenditen. Rentner A bekommt die schlechte Dekade zuerst (typisch Anlage 2000–2010: -9%, +1%, -22%, +28%, +11%, +5%, +16%, +5%, -37%, +26%). Rentner B erlebt dieselben Renditen rückwärts. Nach 30 Jahren: A geht im Jahr 22 das Geld aus. B hat 2,1 Mio. € übrig. Gleicher Durchschnitt, andere Reihenfolge.
Warum frühe Verluste mehr weh tun
- Wer 40.000 € aus 600.000 € entnimmt (nach Crash), verkauft prozentual mehr vom Portfolio
- Das Portfolio hat weniger Zeit und kleinere Basis zur Erholung
- Jede weitere Entnahme kommt aus immer kleinerer Basis — die Schäden potenzieren sich
- Das Portfolio erholt sich oft nicht, bevor die nächste Entnahme zuschlägt
Wer am stärksten betroffen ist
Sequenz-Risiko ist hart für: (1) Frührentner mit 30+ Jahren Horizont, (2) alle mit Entnahmeraten über 4%, (3) Portfolios mit hohem Aktienanteil in der Entnahmephase. Minimal für: (1) Sparer in der Ansparphase, (2) Personen mit gesetzlicher Rente plus bAV, die Grundausgaben decken, (3) Portfolios mit großer Anleihen-/Festgeldquote.
Wie man sich schützt
- Renten-Glidepath: Anleihen-/Tagesgeldquote 5–10 Jahre vor Renteneintritt erhöhen, hoch halten in den ersten Rentenjahren, allmählich senken
- Cash-Bucket: 2–3 Jahresausgaben auf Tagesgeld halten, um Aktien nicht im Crash verkaufen zu müssen
- Flexible Ausgaben: 10–20% der Ausgaben kürzen in Jahren nach starken Crashs
- Variable Entnahmeregeln: Entnahmen an Portfolio-Performance anpassen (Guyton-Klinger, CAPE-basierte Strategien)
- Renteneintritt verschieben: Ein Jahr länger arbeiten + Zinseszins kann Sequenz-Risiko deutlich entschärfen
Die 4%-Regel mit Vorbehalt
Bengens ursprüngliche 4%-Regel basiert auf Worst-Case-30-Jahres-Sequenzen am US-Markt mit ~95% Erfolgsquote. Für 40–50-jährige Renten (FIRE) empfehlen Forscher 3,25–3,5% Entnahme, um vergleichbare Sicherheit zu erhalten. Für deutsche Frührentner zusätzlich relevant: KVdR-Beiträge oder freiwillige GKV können 600–900 €/Monat extra kosten — die Zielsumme verschiebt sich nach oben.
Was Sequenz-Risiko NICHT trifft
In der Ansparphase ist es umgekehrt — frühe Crashs lassen dich günstiger Anteile kaufen. Genau deshalb produziert das Durchhalten von Sparplänen durch Marktphasen langfristig bessere Ergebnisse als Markt-Timing.
Häufige Fragen
Gilt Sequenz-Risiko auch für Vorruheständler?
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Reicht ein 60/40-Portfolio (Aktien/Anleihen)?
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Was ist mit Sofortrenten (Leibrente)?
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